Ratgeber

Wann sollte mein Kind damit beginnen, ein Instrument zu lernen?

Es ist sehr wichtig, dass das Kind diese von den Eltern getroffene Entscheidung mitträgt. Es sollte sich für ein Instrument entscheiden dürfen, von dem es sich besonders angezogen fühlt. Wichtig sind Einsatzbereitschaft und Ausdauer, denn der Weg zur Klanggestaltung ist auf jedem Instrument mit Mühen verbunden. Im allgemeinen sind ab dem 7. Lebensjahr Grob- und Feinmotorik sowie auditive und visuelle Wahrnehmung entsprechend entwickelt.

Je jünger die Kinder sind, desto vielseitiger wird der Unterricht gestaltet. Bewegungen am Instrument wechseln ab mit Ganzkörperbewegungen, freie Gestaltungsspiele mit angeleiteten Haltungsübungen. Unterricht in einer Kleingruppe von 2 bis 5 Kindern kann am Anfang eine gute Alternative zum Einzelunterricht sein. Eine Möglichkeit, in den Kindern den Wunsch nach dem Erlernen eines Instrumentes wachsen zu lassen, sind unsere Angebote "Instrumentenkreisel", Instrumentale Frühförderung" und "Instrumentenkarussell".

Instrumentale Frühförderung
Dieses Angebot gibt Kindern ab 5 Jahren die Möglichkeit, ihre musikalischen Erfahrungen und Kenntnisse in kleinen Gruppen von 3-5 Teilnehmern zu entwickeln und zu vertiefen. Im Zentrum des Unterrichtes steht dauerhaft die Beschäftigung mit einem Instrument. Die Kinder erforschen die spezielle Klangerzeugung und erlernen die Spieltechnik. In der tönenden Darstellung von Erlebnissen und Geschichten können vielfältige Klangmöglichkeiten entdeckt werden. Im Melodie- und Begleitspiel wird der anfänglich geringe Tonraum kontinuierlich erweitert. Dabei wird das Gehör sensibilisiert, im Solo- und Zusammenspiel die rhythmische Sicherheit gefestigt und die Notenschrift eingeführt. 
Nach etwa ein bis zwei Jahren wird der Unterricht in der Regel als Einzelunterricht fortgeführt.

 

Instrumente Klavier, Flöte, Schlagzeug, Cello, Violine, Gitarre, Trommeln
Beratung Irene Lahiri email

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Ratgeber Üben

Das Spielen auf einem Instrument erlernt nur der, der übt.

 

Wie kann ich mein Kind beim Üben unterstützen?

 

täglich üben

Wenn möglich, sollte man täglich üben:

  • Damit man nicht vergisst, was man sich schon eingeprägt hat,
  • damit man regelmäßig trainiert
  • und einem die Spielbewegungen in Fleisch und Blut übergehen,
  • und um „Neues“ zu entdecken und zu erforschen.

 

aufmerksam üben

Zum Üben braucht es Aufmerksamkeit.

  • Keine Ablenkungen im Übezimmer: Fernsehen/Radio sollten ausgestellt sein.
  • So früh anfangen, dass man nicht aus Müdigkeit nur Misserfolge erlebt.
  • Möglichst einen festen Übeplatz einrichten, an dem man sich wohl fühlt.
  • Eine Uhr braucht man zum Üben nicht. Gutes Üben dauert nicht länger als die Konzentrationsfähigkeit reicht.

 

kurz, aber mehrmals am Tag üben

Kurze Einheiten nutzen mehr als eine ganz lange Übephase. Wiederholtes Üben stärkt den Lernerfolg.

 

regelmäßig üben

Manchmal übt man ohne jede Aufforderung aus lauter Begeisterung. Aber das bleibt nicht immer so. Wenn man gerade aus einer ganz anderen Beschäftigung herausgerissen wird, dann dauert es einige Zeit, bis im Üben wieder die Begeisterung heranwächst. Wer hier kein Durchhaltevermögen hat, der hört rasch mit dem Instrumentalspiel wieder auf.

 

Das regelmäßige Üben muss man ebenso erlernen, wie das Instrumentalspiel oder das Erlernen der Notenschrift. Wenn Sie ihr Kind in diesem Prozess unterstützen, wird es auch in anderen Bereichen größere Fortschritte erleben dürfen. Dabei kann es helfen, gemeinsam Übezeiten festzulegen, oder einen Wochenplan zu erstellen.

 

nicht zum Üben zwingen

Gut ist es, Kinder daran zu erinnern, dass sie üben, sie auch konkret aufzufordern, mit dem Üben zu beginnen. Aber im Zwang verliert das Üben seinen Sinn. Zur Freude an der Musik kann man niemanden zwingen.

 

das Üben positiv begleiten

Für Kinder ist es ganz wichtig, dass sie sich von den Eltern ermutigt fühlen.

  • Interessieren Sie sich dafür, was Ihr Kind tut!
  • Loben Sie die Fortschritte des Kindes!
  • Seien Sie zurückhaltend mit Urteilen darüber, was das Kind noch nicht kann. Missklänge gehören zum Üben dazu. Wer das nicht erträgt, wird den Mut zum Weitermachen verlieren.
  • Wenn Sie das Üben stört, dann ziehen Sie sich auch einmal zurück. „Nervtötendes Üben“ erleben Zuhörer ganz anders als derjenige, der gerade etwas ausprobiert.
  • Fördern Sie gemeinsames Musizieren in Ensembles, Orchestern, sowie jegliche Form von Kammermusik.
  • Besprechen Sie mit dem Lehrer, welche Unterstützung Sie beim Üben vielleicht geben können.

 

ein musikalisches Umfeld schaffen

Musik ist mehr als eine bestimmte Tätigkeit. Musik gehört zum Leben. Sie können Ihrem Kind ein musikalisches Umfeld schaffen, in dem es ganz natürlich mit Musik aufwächst.

  • Singen sie mit Ihrem Kind. Die Verbindung von Klang mit dem Körper und mit der Seele kann Ihr Kind beim Singen am direktesten erleben.
  • Hören Sie aufmerksam Musik. Musik muss nicht immer im Hintergrund laufen. Reden Sie mit Ihrem Kind über die Musik, die Ihnen gefällt, (oder) die Sie gerade hören!
  • Besuchen Sie Konzerte. Lassen Sie Ihr Kind das Instrument, das es spielt, im Konzert erleben.
  • Besuchen Sie altersgemäße Konzerte und auch Schülervorspiele; die Musikschule hat da viel zu bieten.

 

Andreas Eschen

 

Mehr zum Thema Üben, auch mit praktischen Hinweisen zu Übetechniken findet sich im leicht verständlichen Heft für Kinder: Linda Langeheime : „Üben? - Und wie?“. (Verlag Zimmermann, Frankfurt, ISBN 978-3-921729-70-0. 12,90 €)z

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"Was Hänschen nicht lernt"– Überlegungen zum Musikunterricht für Kinder

"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr"– so hieß es früher. Die Hirnforschung hat uns gelehrt, dass das nicht stimmt. Ein Mensch lernt so lange er lebt. Ein Kind kommt mit der Fähigkeit, ja dem Bedürfnis zu lernen auf die Welt. Zu lernen kann ein Vergnügen bleiben. Aber das Lernen ändert sich. In den ersten Lebensjahren lernt man grundlegende Fähigkeiten, baut Wahrnehmungs- und Denkstrukturen auf. In dieser Zeit ist das Lernen so wirkungsvoll und so schnell wie nie wieder danach. So kann ein Erwachsener sehr gut Fremdsprachen lernen. Aber nur wer bis zum 12. Lebensjahr die Aussprache fehlerfrei gehört und aufgenommen hat, kann die Sprache akzentfrei lernen.

Ähnlich gilt auch in der Musik: Jeder kann ein Instrument lernen, auch Erwachsene. Aber Kindern fällt es viel leichter. Es scheint sogar so zu sein, dass Erwachsene, die als Kind bereits im Instrumentalunterricht waren, weniger Schwierigkeiten mit dem Instrumentalspiel haben als andere. Insofern raten wir Ihnen dringend zu einem Unterrichtsbeginn – wenn möglich – vor dem zehnten Lebensjahr. Einige Instrumente setzen eine bestimmte Körpergröße oder einen entwickelten Kiefer oder ähnliches voraus, weswegen ein Beginn erst in einem späteren Alter empfohlen wird. Hier wäre es sinnvoll, zuerst mit einem anderen Instrument zu beginnen. Auskünfte erhalten Sie hierzu bei den Fachgruppenleitern.

 

"Ist mein Kind begabt?"
Alle kennen Beispiele von aufsehenerregenden musikalischen Entwicklungen, die man sich nicht als Ergebnis loßen Lernens erklären kann, in denen man darum den Erweis einer besonderen "Begabung" sieht. Die Ergebnisse der Begabungs-Forschung sind dennoch ernüchternd. Einen Test, mit dem man an Kindern feststellen kann, wie weit sie in zehn oder zwanzig Jahren in ihrer musikalischen Entwicklung kommen können, gibt es nicht.

Es ist wohl nicht so, dass ein Mensch mit einem festen Maß an musikalischer Aufnahmefähigkeit auf die Welt kommt. Der Mensch entwickelt sich, je nach dem, wie viele Anregungen er in diesem Bereich erhält. Viel Beschäftigung, aktive, bewegte Beschäftigung mit Musik ist offenbar sehr wichtig. Besonders das Singen fördert die Entwicklung musikalischer Fähigkeiten sehr.

Viel wichtiger als die Prognose, wie weit es ein Kind bringen kann, ist für uns etwas anderes: Bringt das Kind Aufmerksamkeit für Musik auf? Identifiziert es sich mit seiner musikalischen Beschäftigung? Reagiert es sensibel auf musikalische Impulse? Wenn das so ist, tut der Unterricht dem Kind gut.

 

"Musik macht Spaß"
Zwischen dem Trainieren beim Sport und dem Üben in der Musik gibt es manche Gemeinsamkeiten. Man braucht regelmäßiges Training, man braucht großes Durchhalte vermögen, auch das Üben ist mit Anstrengung verbunden. Wie passt das zu dem Motto: "Musik macht Spaß"?

Der Spaß und die Anstrengung gehören zusammen. Niemand ginge lieber zum Fußballtraining, wenn am Elfmeterpunkt Sessel stünden, damit man beim Schießen nicht stehen muss, und wenn der Trainer das Tor hin- und herschieben würde, damit der Ball auch ins Tor geht. Musik mach Spaß – richtig. Aber nicht wie ein Film, den man sich gemütlich ansieht, sondern wie ein Fußballspiel, bei dem man sich richtig verausgabt.

Instrumentalunterricht bedeutet nicht einfach: ein Termin mehr in der Woche – sondern viele Termine mehr, denn in jeder Unterrichtsstunde werden Aufgaben erteilt für das Üben zu Hause. Und am besten sollte man täglich üben.

 

"Musik zur Förderung der Intelligenz" –
das war das Ergebnis einiger Langzeitstudien, u. a. mit Berliner Schülern. Diese Untersuchungen werden viel diskutiert und sind durchaus nicht unstrittig.

Wir freuen uns jede positive Nebenwirkung, die von Musik ausgehen kann. Aber das ist nicht unser Grund, uns mit Musik zu beschäftigen und Musikunterricht anzubieten. So wie ein Kind sich bewegt, nicht weil Bewegung gesund ist, sondern weil es einen natürlichen Bewegungsdrang hat, so macht man auch Musik: Die Bewegung des Geistes und der Seele beim Musikerleben, der Stimme beim Singen, des Körpers beim Tanzen bedürfen auch der guten Gründe nicht, die es sicherlich gibt.

 

Spielend lernen
In den Diskussionen um schulisches Lernen werden oft falsche Fronten aufgebaut. So als ob man entweder einem Schüler jegliche Anstrengung ersparen sollte oder ob man nur in erbarmungslos harter Disziplin etwas lernen würde. Kinder zeigen, dass es anders geht. Sie lernen ernsthaft, und sie lernen spielend – und das ist kein Gegensatz.

In der Musikalischen Früherziehung für Kinder im Vorschulalter macht man sich diese Erkenntnis zunutze. Das musikalische Erlebnis ist eingebettet in Geschichten und Spiele. Die Musik wird in der Bewegung erlebt und im Singen. Musik , so erfahren, geht den ganzen Menschen an: seine Phantasie, seine Körpererfahrung, seine klangliche Vorstellung...

 

Die innere musikalische Vorstellung entwickeln
Das Instrumentalspiel erfordert ein hohes Maß an Körperbeherrschung und Disziplin. Aber dazu kommt es nur, wenn parallel dazu ein reiches inneres musikalisches Vorstellungsvermögen heranwächst. Üben darf niemals auf das nur Mechanische beschränkt sein. Der Klangsinn gehört dazu. Die Verbindung von Singen und Spielen, von Musik und Bewegung sind von elementarer Bedeutung. Später kommt ein Erleben der musikalischen Strukturen, ein Verstehen der musikalischen Gedanken hinzu. Musiktheorie, die dazu dient, dieses Erleben bewusst zu machen und zu vertiefen, wird zum unerlässlichen Bestandteil der musikalischen Bildung.

 

Andreas Eschen

 

Wer mehr darüber lesen will, dem sei zuerst Manfred Spitzer: Musik im Kopf, Stuttgart 2005 empfohlen.
Zum Thema Lernen:  Manfred Spitzer: Lernen. Heidelberg, Berlin 2007.
Zum Thema Begabungsforschung: Heiner Gembris: Grundlagen musikalischer Begabung und Entwicklung, Augsburg 2013.

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Klavier oder Digitalpiano?

Den Digitalpianos gehört (vielleicht) die Zukunft
- aber gegenwärtig muss es ein Klavier sein!

Digitalpianos sind leicht zu transportieren, können leise gestellt oder mit Kopfhörer gehört werden, man muss sie nicht stimmen. Und sie klingen wie ein echtes Klavier. Warum sollte man das teurere Klavier nehmen?

Um die Unterschiede zu verstehen, muss man erst einmal erklären, was ein Digitalpiano tut. Ein echter Flügelklang wird aufgenommen und gespeichert, und diese Aufnahme wird lauter oder leiser abgespielt, je nachdem, wie schnell oder langsam eine Taste heruntergedrückt wurde.

Die Qualität eines Digitalpianos hängt unter anderem davon ab, wieviel Speicherplatz für die "gesampelten« Klänge zur Verfügung steht.

Schlechte Instrumente verwenden eine Aufnahme für viele Nachbartöne und rechnen sie auf eine höhere oder tiefere Tonstufe um. Der echte Klavierklang nimmt aber in jeder Tonhöhe eine etwas andere Klangfarbe an. Bessere Instrumente "sampeln" darum möglichst viele Töne.

Wie der Ton ausklingt, hängt beim Klavier von der Tonhöhe und der Lautstärke des Tons ab. Instrumente sparen Speicherplatz, indem sie nur den Anfang des Originalklangs verwenden, danach über eine Art Wiederholfunktion ("loop") immer denselben Klang beibehalten. Das kann zu hörbaren Klangeinbußen führen.

 

Zwischen Klavieren und Digitalpianos gibt es zurzeit vier grundlegende Unterschiede.

1. "Sampling": Ein echtes Klavier klingt je nach Lautstärke anders. Um den Klangfarbenreichtum eines Klaviers elektronisch nachzubilden, müsste man in jeder Tonhöhe mehrere Klänge "sampeln", jeweils einen für eine Lautstärkestufe. Das wird aus Kostengründen derzeit nicht getan. Aber das ist, als ob man menschliches Flüstern oder Schreien aus einem normal gesprochenen Wort entwickeln wollte, indem man das Wort nur lauter der leiser abspielt. "Echt" klingt nur die mittlere Lautstärke, die dynamische Entwicklung ist unnatürlich und steril. Teurere Instrumente bieten immerhin schon "Multisampling", verschiedene Klangfarben für verschiedene Lautstärken. Das entspricht immer noch nicht dem natürlichen Klang, kommt ihm aber schon wesentlich näher.

 

2. "Resonanz": Die Klänge der einzelnen Klaviertöne beeinflussen einander. Auch eine Saite, die nicht angeschlagen wird, wird durch andere Saiten zum Schwingen gebracht. Das hat etwas mit dem Verhältnis der Obertöne zueinander zu tun. Damit können Klänge sich gegenseitig stützen und verstärken, es kann aber auch Interferenzen, verstärkte Schwebungen zwischen den Klängen geben. Dieses Verhältnis lässt sich mathematisch beschreiben und sollte in einem elektronischen Instrument durchaus nachzumachen sein. Von dem feinen aufeinander Reagieren der verschiedenen Töne hängt es ab, wie schön, edel, hart oder weich ein Klavierstück klingt, selbst wenn die Lautstärke im Sinne des bloßen Schalldrucks gleich ist. Hier liegt einer der Gründe für Qualitätsunterschiede zwischen Pianisten. Sie reagieren auf Klangfarbenänderungen, die sich aus dem Wechselspiel der Obertonbeziehungen ergeben. Digitalpianos machen solche Unterschiede nicht. Zwar gibt es bereits Instrumente, die mit "Saitenresonanz" werben. Bisher setzen sie nur einen Bruchteil der hörbaren Resonanzbeziehungen um. Und denen fehlen auch Einschwingphasen, das allmähliche Hervortreten der Obertöne, das für natürliche "Saitenresonanz" charakteristisch ist.

Einen noch stärkeren Einfluss auf den Klavierklang hat die Saitenresonanz bei dem Treten des rechten Pedals. Bei einfachen Digitalpianos bewirkt das Treten des Pedals nur die Verlängerung der Töne und keine Klangfarbenveränderung, es gibt nur die Schaltung Pedals an/aus. Das ist bei den teureren Instrumenten besser. Die aufwändigsten bieten auch so viel Pedalstufen an, dass man den Klang allmählich zurücknehmen kann.

 

3. Dynamik: Ein Digitalpiano unterscheidet 128 Lautstärkestufen. Das scheint viel zu sein, ist aber viel zu wenig. Ein normales Klavierstück umfasst ohne weiteres drei bis vier Stimmen, die unterschiedlich laut gespielt werden: Oft ist die Oberstimme am lautesten zu spielen, der Bass nur etwas leiser, die Mittelstimmen noch leiser. Dazu ist noch zwischen den Taktzeiten zu unterscheiden. Die Taktzeit "1" ist normalerweise die lauteste, die anderen Taktzeiten sind leiser, aber auch voneinander unterschieden. Zudem gibt es in manchen Stimmen Einzeltöne, die lauter zu spielen sind, um zusätzliche Stimmen zu entwickeln ("verdeckte Mehrstimmigkeit"). Außerdem müssen noch die Entwicklungen zwischen lauteren und leiseren Stellen im Stück herausgearbeitet werden. All diese Unterschiede sollen sich nun aber nicht von den Extremen ganz laut bis ganz leise bewegen sondern in einem engen Lautstärkebereich, z.B. zwischen Mezzopiano und Mezzoforte. Dafür reichen 128 Klangstufen bei weitem nicht aus.

 

4. Anschlag: Bei einer gewichteten Tastatur braucht es ein bestimmtes Mindestgewicht, um den Ton auszulösen. Darin gleichen sich Digitalpianos und echte Klaviere. Die physikalischen Eigenschaften einer Klaviermechanik und einer Federmechanik bei Digitalpianos unterscheiden sich bei größerer Lautstärke. Um die Masse in immer kürzerer Zeit zu beschleunigen, muss eine immer größere Kraft aufgewendet werden. Für die Feder, die beim Digitalpiano die Masse ersetzt, bleibt die aufzuwendende Kraft immer annähernd gleich. Daher macht es einen Unterschied, ob die Taste eine Masse bewegt oder eine Feder. Je lauter man spielt, desto größer wird der Kraftaufwand, der Anschlag vom Digitalpiano wirkt dagegen zu lasch. Wenn aber die Taste dem lauten Anschlag nicht den richtigen Widerstand entgegensetzt, wird es schwieriger, die Lautstärke richtig abzustufen, also differenziert zu spielen.

 

Diese Unterschiede sind erheblich. Dabei müsste es nicht bleiben. Es sollte technisch möglich sein, mit größerem Speicheraufwand für die Samples, größerem Rechenaufwand für die Resonanzbeziehungen im Obertonbereich, durch größere dynamische Differenzierung dem Klavierklang sehr nahe zu kommen und durch eine massereichere Mechanik den Anschlag deutlich zu verbessern. Mit Digitalaufnahmen von Konzerten auf CDs kann man schließlich auch einen sehr guten Klangeindruck gewinnen – die Digitalisierung muss nicht zu schlechteren Ergebnissen führen.

Bei den besseren Instrumenten, gibt es bemerkenswerte Verbesserungen im Klang und im Anschlag. Es lohnt sich, die genauen Beschreibungen der Hersteller zu lesen. Hier gestehen die Hersteller erstmals ein, was alles an den einfacheren Instrumenten bisher gefehlt hatte, um einem Vergleich zu einem akustischen Klavier standzuhalten.

Nur ist gar nicht sicher, ob ein solches gutes Digitalpiano immer noch billiger wäre als ein Klavier.

 

Lernpsychologie und Neurowissenschaften legen die Annahme nahe, dass sich bei Kindern die Entwicklungen von Wahrnehmungsfähigkeit und Handlungsfähigkeit gegenseitig ergänzen und beeinflussen. Was man (geistig) unterscheiden lernt, das hängt auch von dem ab, was man (körperlich) unterschiedlich zu machen lernt. Der "Spielapparat" des Klavierspielers bildet eine Einheit aus Handeln und Wahrnehmen. Die künstlerische Ausbildung zielt auf ein intuitives Zusammenspiel von geistiger Vorstellung und Körpergefühl, von Aufnahmefähigkeit für Klänge und Selbstwahrnehmung beim Spielen. Das Unterrichtsinstrument muss darum klanglich und spieltechnisch in der Lage sein, die kindliche Differenzierungsfähigkeit anzuregen.

vgl. Manfred Spitzer: Musik im Kopf. Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk. Stuttgart 2003, S. 331ff

Aber für den Anfang - reicht da nicht vielleicht ein schlechteres Instrument? Für ein paar Monate vielleicht, aber wer kauft für ein paar Monate ein Instrument. Und dann, wenn der Unterricht gut läuft, bekommt der Schüler allmählich ein Gefühl für immer mehr der Unterschiede, die ein Instrument ihm anbietet. Vorausgesetzt, das Instrument kann ihm die Unterschiede überhaupt bieten. Wie aber sollte ein Schüler das Gefühl für Klangdifferenzierungen ausbilden, wenn sein Instrument die Unterschiede gar nicht macht und auf differenziertes Spiel nicht reagiert? Es hat keinen Sinn abzuwarten, bis ein schlechtes Instrument nicht mehr genügt. Im schlimmsten Fall genügt es nämlich immer: Weil der Schüler seine Wahrnehmungsfähigkeit und seine Differenzierungsfähigkeit an diesem Instrument einfach nicht entwickelt.

 

Daher raten wir von Digitalpianos ab und empfehlen für den Klavierunterricht die Anschaffung eines neuen oder gebrauchten Klaviers.

 

Andreas Eschen, Fachgruppenleiter für Tasteninstrumente, 25.1.2015

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